Bedeutung der Freud'schen Psychoanalyse in Kafkas Werken

Veröffentlicht auf von JanC

Viele Interpretationen glauben psychoanalytische Motive in Kafkas Werken auszumachen. Ist dies zu rechtfertigen? Der Text befasst sich mit der Frage, ob die Theorie selbst Eingang in den Werken fand und ob sie als Interpretationshilfe dienen kann.

Kenntnis und Abneigung gegenüber der Psychoanalyse

Kafka kannte die Psychoanalyse von Freud, war aber im Allgemeinen kein Freund dieser Theorie. In einem der zahlreichen Briefe an seine Geliebte Milena Jesenská bezeichnet Kafka den „therapeutischen Teil der Psychoanalyse“ für „einen hilflosen Irrtum“. An seinen Freund Werfel schreibt Kafka: „Es ist keine Freude, sich mit der Psychoanalyse abzugeben, und ich halte mich von ihr möglichst fern“. Es ist also generell anzunehmen, dass Kafka keine psychoanalytischen Motive in seinen Texten verarbeitet hat.

Rechtfertigung einer psychoanalytische Interpretation

Dennoch gibt es zwei triftige Gründe, sich um tiefenpsychologische Interpretationen in den Werken Kafkas zu bemühen. Der erste Grund ist leicht verständlich darzulegen anhand einer berechtigten Kritik an Freuds Theorie: Die ohnehin stark provozierende Vorstellung Freuds über die Entwicklung der infantilen Sexualphase mit ihren Mechanismen scheint in anderen Gesellschaftsformen und auch in modernen Familienstrukturen ihrer wichtigsten Elemente beraubt. Die Auslöser, die Freud im sozialen Umfeld des Kindes und in dessen Sexualtrieben erkennt, und die zum Umlenken der infantilen Triebenergie führen, sind allzu sehr auf die Strukturen der damaligen Zeit abgestimmt. Diese Auslöser, wie etwa die Kastrationsangst, kommen für das Kind einer alleinerziehenden Mutter des 21. Jahrhunderts nicht zustande. Es wird also ersichtlich, dass Freuds Theorie eben eine solche bleibt. Sie kann die Realität in einem gewissen Maße beschreiben, ist aber zu sehr an die gesellschaftlichen Gegebenheiten gebunden, in denen Freuds Patienten aufwuchsen und lebten, anhand deren Berichte er die Theorie entwickelte.

Doch genau diese allgemeine Schwäche seiner empirischen Theorie ist der erste Grund, dieselbe für eine Interpretation Kafkas Arbeiten zu benutzen. Denn Kafka kommt aus denjenigen sozialen Verhältnissen, auf die diese Theorie zugeschnitten ist. Es ist also gut möglich, dass die Freud'sche Tiefenpsychologie es sehr wohl ermöglicht, die Gründe für Kafkas Persönlichkeitsstörung zu verstehen.

Dass Kafka sich seiner Ich-Schwäche bewusst war, ist der Kerngedanke des zweiten Grundes. Der von Selbstzweifeln geplagte Autor bezeichnete nur den therapeutischen Teil der Theorie als Irrtum. Es ist jedoch leicht anzunehmen, dass ihm der Hauptteil der Theorie zu neuer Selbsterkenntnis verhalf. Nicht die Theorie selbst findet sich in den Schriften, sondern autobiographische Motive, deren Findung Kafka durch die Psychoanalyse ermöglicht oder erleichtert wurden, und deswegen anhand dieser Theorie wiederum Rückschlüsse auf die Psyche des Autors zulassen.

1 3:4 Portrait crop of Franz Kafka | Source http://www. zeno. org/Lite

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Nabokov 08/30/2012 00:57

Geht Freud bei seiner Psychoanalyse nicht fälschlicherweise vom Unbewussten aus, welche das Leben des "Patienten" erschwert?
Das wäre dann gar nicht mehr anwendbar und hätte jedlichen Bezug zu Kafkas Werken verloren wenn er sich dessen bewusst war ( was er offentsichtlich war)